Da ich immer wieder gefragt werde, was ich denn als Coach bzw. Berater eigentlich mache und welche Ansätze in mein Coaching und Beraten einfließen, will ich euch heute einen wesentlichen Baustein meiner Arbeit vorstellen.

Selbstverständlich arbeite ich – wie die meisten deutschen/europäischen Coaches – mit dem systemischen Ansatz, helfe meinen Klienten, sich selbst als Teil eines Systems zu verstehen, ihre Ressourcen zu erkennen, klare Ziele zu setzen und den nächsten Schritt dorthin zu gehen. Als Erweiterung zu dieser systemischen Methode habe ich aber auch das ontologische Coaching für mich – und vor allem für meine Klienten – entdeckt, welches heute den Kern meiner Arbeit darstellt.

Die Ansätze dieser Art zu coachen liegen nicht so sehr in der Psychologie oder im Erlernen von Management-Fähigkeiten, sondern mehr in der Philosophie, Phänomenologie und Theologie. Es geht mehr um das Sein als um irgendwelche Systeme.

Die 1973 aus Chile in die USA geflüchteten Coaches Rafael Echeverria und Julio Olalla sowie der Philosoph Fernando Flores gelten als Begründer des Ansatzes. Aber auch Humberto Maturana, John Searle und Martin Heidegger lieferten wesentliche Impulse.

Das große Plus des ontologischen Ansatzes ist für mich, dass ich als Coach das gesamte Sein des Menschen im Blick habe und mich nicht nur auf feste Ziele konzentriere. Der „Way of Being“ meiner Klienten, der sich aus dem Zusammenspiel ihrer Körperlichkeit (Somatic), ihrer Emotionen (Gefühle und Stimmungen) und ihrer Sprache/ihres Denkens ergibt, steht im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit. Diese drei Bereiche beeinflussen sich gegenseitig und in ihrer Schnittstelle liegt der Kern unseres Seins – unserer Persönlichkeit (siehe Grafik 1).

Keiner von uns ist objektiv. Wir alle sehen die Welt durch die Brille unserer Vergangenheit. Ständig nehmen wir wahr, bewerten, interpretieren und schaffen uns dadurch unsere eigene Version der Wirklichkeit (die Observer Domain).

Jeder von uns verursacht auf der Grundlage seiner eigenen Wahrnehmung, seiner Werte, Sprache, Gefühlswelt und auch durch seinen Körper Probleme bzw. Herausforderungen. Genauso ist aber auch jeder in der Lage, Lösungen zu produzieren. Als Coach und Berater helfe ich meinen Klienten zu erkennen, dass sie ihre Wirklichkeit aktiv gestalten können (die Action Domain).

Das Geniale ist: Wir können unsere Haltungs-, Emotions-, Handlungs- und Gedankenmuster verändern und neu lernen. Dazu wird zuerst die „alte“ Wirklichkeit auseinandergenommen und analysiert, um dann neue Sichtweisen, Wertungen, Emotionen oder Handlungen zu entwickeln. Daraus resultierend sind wir in der Lage, neue noch nicht dagewesene Resultate hervorzubringen (die Results Domain).

Ich helfe meinen Klienten, ihre Emotionen, Bedürfnisse und Werte zu erkennen, auszudrücken und mit etwas mehr Abstand zu sehen. Sie lernen, ihre Wahrnehmung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, den Gesamtzusammenhang zu erkennen und dadurch das eigene Empfinden objektiver zu beurteilen. Ganz oft bewerten wir aktuelle Ereignisse aufgrund dessen, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, bzw. was uns verletzt hat. Dieser Automatismus wird durchbrochen und die Klienten werden psychisch widerstandsfähiger (resilient).

Beispiel: Sehr früh in meine Teenagerphase habe ich eine unangenehme Erfahrung gemacht. Ich hatte die Chance vor Menschen zu sprechen und einen kleinen Auftritt zu gestalten. Auf Grundlage meiner Prägung hatte ich große Angst vor dem, wie mich Menschen bewerten würden. Dies löste in mir eine Angst aus, die sich auch physisch erkennen ließ. Ich hyperventilierte, geschwitzte, geweinte und konnte wortwörtlich den Raum nicht betreten. Dieses Erleben hat mich geprägt. Die mit diesem Erlebnis verbundene Angst, habe ich auf jede Situation in meiner Zukunft übertragen, in der ich vor Menschen sprechen hätte können. Es hat ganze sechs Jahre gedauert bis ich eine neue Erfahrung gemacht habe. Heute liebe ich es als Keynote Speaker und Impulsgeber mit großen Gruppen von Menschen zu arbeiten. Obgleich ich noch immer eine sehr große Nervosität empfinde, bin ich heute in der Lage, dieses Gefühl anders zu deuten und zu verarbeiten. Es kontrolliert mich nicht. Ganz im Gegenteil, es steigert meinen Fokus und meine Energie. Es dient mir.

Es ist immer wieder gigantisch zu sehen, wie Menschen (in diesem Fall ich selbst) dadurch aus ihrer Opferrolle und einem bloßen Reagieren aufgrund von automatischen Denk-, Fühl- und Handlungsmustern herauskommen und lernen, ihr Leben aktiv und lebensbejahend zu gestalten.

Neben den Standardwerkzeugen, die im Coaching und der Beratung eingesetzt werden, bin ich beim ontologischen Coaching sehr viel stärker selbst gefragt, ein authentisches Beispiel abzugeben. Ich muss meinen eigenen „Way of Being“ kennen und reflektieren können. Erst dann kann ich meinen Klienten Anregungen geben.

Durch gezielte Fragen helfe ich meinen Klienten, in Bezug auf ihr konkretes Anliegen Selbstbilder, Erwartungen an sich selbst und andere, Werte, Körperhaltungen, Gefühlsmuster und Sprachkonstrukte zu analysieren.

Nach und nach lernt der Klient, dass die Beurteilung einer Situation nicht automatisch passieren muss, sondern dass wir entscheiden können, ANDERS zu handeln, zu denken, zu fühlen.

Die Analyse der Sprache hat im ontologischen Coaching und Beraten eine große Bedeutung. Sprachphilosophie und Sprechakt-Theorie von John Searle und John Langshaw Austin werden ganz praktisch angewendet. Die Sprache wird in verschiedene Elemente wie Assertions (Tatsachenbehauptungen), Declarations (Erklärungen), Assessments (Bewertungen), Requests (Bitten), Offers (Angebote) und Promises (Versprechen) zerlegt.

Das eindrucksvollste Beispiel dafür, wie stark unsere Bewertungen (assessments) sein können und wie generativ eine Erklärung (deceleration) ist, ist für mich meine Entwicklung in Bezug auf die englische Sprache.

Beispiel: Nach meinem Hauptschulabschluss, hatte ich mit Englisch als Fremdsprache innerlich abgeschlossen. In der Schule hatte ich hauptsächlich 4en, 5en und manchmal auch die Note 6 (assertion). Auf Grundlage dieser Noten sagte ich: Ich kann das nicht (assessment)! Ich bin offensichtlich zu dumm dafür (assessment)! Ich werde das nie können (deceleration)! Ich brauche das auch nicht (deceleration/assessment). All dies sind kraftvolle Bewertungen (assessments) sowie Erklärungen (assertions), die mir jede Möglichkeit genommen haben die englische Sprache zu lernen. Zehn Jahre später, als ich Tze Lin das erste Mal sah, sagte ich zu mir selbst: Das ist die Frau, die ich heiraten werde (deceleration)! Ab jetzt war jeder Versprecher (assertion) ein toller Lernmoment (assessment). Dreieinhalb Monate später (assertion) konnte ich fließend Englisch sprechen (assessment) und 5 Jahre später haben wir geheiratet (assertion).

„Tot und Leben, liegen in der Macht unserer Zunge (Worte).” – Die Bibel

Indem ich mit meinen Klienten ihre Kommunikation reflektiere verstehen sie immer besser, welche Zukunft sie dadurch erschaffen und welche eben nicht. Hierdurch steigen die Selbstverantwortung und das schöpferische Handeln durch das Wort.

Auch der Körper wird in den Prozess mit einbezogen. Übungen und Experimente mit Stimme, Atmung und Haltung helfen beim Erkennen und dem Ändern von Gefühlen und Stimmungen.

Gefühle sind beim ontologischen Coaching sowieso ein ganz spannendes Thema. Es wird zwischen einer andauernden subtilen Grundbefindlichkeit (Stimmung oder „Moods“) und kürzeren Gefühlsaufwallungen infolge von Ereignissen unterschieden (Gefühle). Ich als Coach und Berater beobachte beides und kann meinem Klienten dadurch helfen, verdeckte oder überlagerte Emotionen zu erkennen und zu bearbeiten. Der ganze „Way of Being“ meiner Klienten kann sich dadurch entfalten und heil werden.

Beispiel: In einer Coaching Session mit einem meiner Klienten gab es die Situation, dass dieser beim Blick auf das baldige Jahresende und den bevorstehenden 40. Geburtstag, in einen Zustand von Trauer, Frustration und Wut hineingekommen ist. Diese Gefühle drückten sich durch viele Tränen und eine sehr schlaffe Körperhaltung aus. Wir beschlossen, diesen Gefühlen mal ein wenig Raum zu geben. Als ich fragte, worüber sie den traurig ist, hörte ich mehrere Male Aussagen wie: „ich hätte eigentlich schon“, „so viel Zeit ist vergangen“ und „warum habe ich nicht schon längst“.

Diese Gefühle bestimmten nun schon seit ca. zwei Wochen den Alltag. Die wiederkehrenden Gefühle entwickelten eine Grundstimmung (Mood) von Resignation. Diese Grundstimmung (Mood) war der Rahmen, in dem sich das Leben meines Klienten entfaltete.

Obwohl es noch genug Zeit gab und sie problemlos ihre Jahresziele erreichen könnte, lies die aktuelle Grundstimmung (Mood), ihre Bewertungen (Assessments) und die Körperhaltung (Somatic) es nicht zu, aktiv zu werden.

Der offensichtliche Fakt, dass das Jahr noch nicht zu Ende ist, spielte keine Rolle. Mein Klient (der Observer) konnte das nicht sehen.

Wir arbeiteten mit anderen Körperhaltungen und reflektierten noch ein bisschen tiefer. Hierbei entdeckten wir ein kulturelles Denkmuster, welches in dieser Grundstimmung eine Trotzreaktion zur Folge hatte.

Diese Trotzreaktion war geknüpft an ein russisches Sprichwort: „Я не хочу ни чего решать. Я хочу платье“, was lose übersetzt so viel bedeutet wie: „Ich will jetzt keine Entscheidung treffen, sondern ein Kleid kaufen.“

Diese starken Bewertungen (Assessments) der Situation und der kulturellen Trotzreaktion im Blick auf wichtige Entscheidungen, waren in dieser Situation wie ein Gefängnis, das sie nicht sehen konnte. Mit viel Lachen enttarnten wir diesen kulturellen Unterbau und konnten beginnen, neue Handlungsschritte zu beschließen. Zum Ende des Gesprächs hatte sich die Stimmung sichtbar verändert. Mein Klient saß aufrecht, lachte, war begeistert und entschied direkt nach dem Gespräch mit der Umsetzung zu beginnen.

An dieser Stelle ist es wichtig zu beachten, dass Bewusstsein alleine nicht alles ist. Um automatische Denk-, Fühl- und Handlungsmuster zu verändern, müssen neue Optionen geübt werden.

Wenn Sie zum Beispiel in der deutschen Sprache aufgewachsen sind, werden Sie, bei einem Besuch in einem anderssprachigen Land, sehr schnell feststellen, dass Sie sich nicht automatisch in einer neuen Sprache verständigen können, nur weil Ihnen bewusst wird, dass Sie diese Sprache nicht sprechen. Das alleinige Bewusstsein darüber reicht nicht aus. Sie müssen nun beginnen, die Sprache zu lernen und sich diese neue Option, diese Sprache zu sprechen, aneignen. Wenn Sie damit beginnen und ein paar Wörter bzw. Sätze beherrschen, haben Sie die Möglichkeit zu wählen und können somit effektiver mit den Menschen in Ihrem Umfeld kommunizieren.

Ebenso ist das der Fall, wenn Sie in einem neuen Job anfangen, eine neue Beziehung beginnen oder befördert werden und plötzlich Verantwortung für neue Aufgaben, oder sogar eine ganze Abteilung bekommen. Am intensivsten nehmen Sie es wahrscheinlich war, wenn Ihnen die Aufgabe übertragen wird, Menschen zu führen. Auch hier wird jedem sehr schnell bewusst, dass die gewohnte Art, Dinge zu tun, nicht mehr oder nur sehr schwer funktioniert.

Die Folgen sind: Frustration, Überarbeitung, Stress, Krankheit, etc.

Noch einmal: Das alleinige Bewusstsein darüber reicht nicht aus. Neue Handlungsoptionen müssen erst geübt werden, damit Sie nicht in Ihren automatischen Denk-, Fühl- und Handlungsmustern begrenzt bleiben und diese Sie kontrollieren.

Was würde passieren, wenn Sie ihre kulturelle, sprachliche und somatische Brille, sowie Ihre Vergangenheit, nicht als gegeben ansehen würden, sondern beginnen, diese Ihrem Ziel dienlich zu hinterfragen und neu zu definieren?

Was wäre, wenn das Einzige was es braucht, um das Ziel zu erreichen, ein neuer Blickwinkel wäre, eine veränderte Sprache oder eine andere Haltung?

Was wäre dann möglich?

Was wäre, wenn Sie die beruflichen und privaten Ziele erreichen könnten, die Sie schon lange aufgegeben haben?

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Über den Autor: Sebastian Schick ist professionell zertifizierter Coach (PCC) bei der International Coach Federation (ICF) und der European Association for Supervision and Coaching (EASC). Mit einem Fokus auf Leadership Performance und Team Dynamics & Relationships verbinde er die Kunst und Wissenschaft von Führung. Aktuell begleite Sebastian Menschen und Unternehmen aus acht Ländern in zwei Sprachen auf drei Kontinenten einfach und wirksam dabei, konkrete Ziele zu erreichen.

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