“Sorry, ich spreche kein Englisch.“

Jawohl, genau das habe ich damals gesagt, als ich 2013 mit meinem Freund und Mentor Marcus Rose auf dem Weg nach Großbritannien war. Es war meine zweite Reise dorthin und genau wie beim letzten Mal hatte ich wieder jemanden dabei, der für mich dolmetschen würde: meinen Bruder Christoph. Er machte das wirklich richtig gut, war immer sehr geduldig und hilfsbereit.

Jede Einladung, es doch mal selber zu versuchen, schmetterte ich mit den Worten „Nein, ich kann kein Englisch sprechen!“ einfach ab.

Ich war überzeugt davon, zu dumm zu sein und einfach nicht das Zeug dazu zu haben, eine andere Sprache zu lernen. Sogar die Meinung, dass ich eher der sportliche Typ wäre, benutzte ich als Ausrede. Ehrlich gesagt hatte ich sogar mehrere Ausreden parat. Immerhin war ich in der Schule sehr schlecht gewesen und hatte mich seitdem nie wieder mit Englisch befasst. Stattdessen hatte ich die zehn Jahre nach der Schule damit verbracht, mein sehr mächtiges Fazit aus der Situation zu untermauern – ein Fazit, das sich ändern sollte, als mir während meiner Reise die (natürlich nur Englisch sprechende) Frau vorgestellt wurde, die ich fünf Jahre später heiraten würde.

Das Treffen mit ihr war mein Weckruf – ein Weckruf, den ich mehr als nötig hatte.

Ich merkte, dass ich die Schlussfolgerungen in Bezug auf mich und die englische Sprache aus einer ganzen Reihe von Bewertungen abgeleitet hatte. In der Welt des Coachings definieren wir Bewertungen, Interpretationen, Einschätzungen oder Beurteilungen als eine subjektive Sichtweise, die niemals als falsch oder richtig bewiesen werden kann. Es sind schließlich keine Fakten, keine objektive Wahrheit. Das hält uns aber nicht davon ab, aus diesen Bewertungen eine schlagkräftige Geschichte zu basteln.

Ich hatte mir die folgende Geschichte gesponnen: “Ich kann kein Englisch sprechen. Ich bin offensichtlich zu dumm dazu und deshalb werde ich es sowieso nie lernen. Aber eigentlich ist das gar nicht so schlimm, denn ich brauche es ja auch gar nicht. Und weil ich es nicht brauche, wäre es sowieso reine Zeitverschwendung.“

All diese Aussagen waren lediglich auf meine subjektive Bewertung aufgebaut, auf ein paar Ereignisse in meiner Vergangenheit. Sie waren weder falsch noch richtig, aber ich lebte so, als wären sie die Wahrheit (Fakten). Ich hatte niemals innegehalten, um die Bewertungen und meine Geschichte zu testen. Ganz im Gegenteil, ich hatte sie zu einem Teil meiner Identität werden lassen. Die Wahrheit ist: Ich hatte mich noch nie mit jemandem, der der deutschen Sprache nicht mächtig war, hingesetzt mit dem Ziel, ihn oder sie wirklich zu verstehen. Nein, ich hatte mir einfach eine Geschichte ausgedacht, die es mir erlaubte, weiter mit meinem von mir gesetzten Selbstbild zu leben. Statt meine Bewertung zu kontrollieren, hatte meine Bewertung die Kontrolle und Gestaltung meiner Zukunft übernommen (Bild 1).

Das ist die Macht von Bewertungen: Sie begrenzen uns, egal ob sie wahr sind oder nicht. In meinem Fall waren sie auch gleichzeitig die Rechtfertigung dafür, den Ball flach zu halten, nicht wieder zum Anfänger zu werden, kein Risiko einzugehen.

 

Bild 1

 

Hier sind ein paar sehr mächtige Bewertungen, die Sie vielleicht zurückhalten:

  • „Ich bin kein guter Zuhörer.“
  • „Meine Meinung interessiert sowieso niemanden/ist die wichtigste.“
  • „Ich kann nicht vor Menschen sprechen.“
  • „Ich bin zu dumm/zu faul/kein guter Lerner.“
  • „Ich müsste das aufgrund meines … (Alters/Position/Geschlechts etc.) schon längst können.“
  • „Ich kann das nicht lernen, weil ich … (Persönlichkeitstyp, Alter, Herkunft, Geschlecht etc.) bin.“

 

Es ist wichtig zu verstehen, dass Bewertungen, Interpretationen, Einschätzungen oder Beurteilungen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sind. Ein Beispiel: Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden? Wahrscheinlich so, dass Sie rechtzeitig im Fitnessstudio oder auf der Arbeit waren. Woher wussten Sie, auf welche Uhrzeit Sie Ihren Wecker stellen müssen? Sie mussten es abschätzen. Vermutlich haben Sie Zeit eingeplant, um sich zu Hause fertig zu machen, die Fahrzeit überschlagen, vielleicht auch ein paar Minuten zusätzlich, um sich in Ihrem Lieblingsladen einen Kaffee zu holen. Wussten Sie ganz genau, wie lang das alles dauern würde? Natürlich nicht. Sie haben geschätzt, bewertet und auf dieser Grundlage entschieden.

Bewertungen helfen uns, in dieser Welt klarzukommen. Die Herausforderung liegt in dem Bewusstsein, dass es nur Bewertungen sind. Wir müssen sicherstellen, dass wir uns von ihnen nicht beherrschen lassen, als wären sie die Wahrheit – und somit andere Möglichkeiten für uns ausschließen. Das nächste Mal, wenn Sie sich eine Meinung oder ein Urteil zu etwas bilden und es ist nicht mit harten Fakten untermauert, nehmen Sie sich Zeit und schauen Sie, ob Sie diese Meinung im Griff haben oder ob die Meinung Sie im Griff hat. Was mich betrifft, meine neue Bewertung ist jetzt, dass es ziemlich genial ist, ein Anfänger zu sein und Neues zu lernen. Das ist mein ROI, den ich aus Coachingprozessen erzielen konnte.

Was wäre eine Bewertung, die Sie annehmen könnten, um Ihr Leben und Ihre Zukunft positiv zu gestalten?

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Über den Autor: Sebastian Schick ist professionell zertifizierter Coach (PCC) bei der International Coach Federation (ICF) und der European Association for Supervision and Coaching (EASC). Mit einem Fokus auf Leadership Performance und Team Dynamics & Relationships verbinde er die Kunst und Wissenschaft von Führung. Aktuell begleite Sebastian Menschen und Unternehmen aus acht Ländern in zwei Sprachen auf drei Kontinenten einfach und wirksam dabei, konkrete Ziele zu erreichen.

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