Ein Grundverständnis von Emotionen, Gefühlen und Stimmungen.

Bevor wir in das Thema einsteigen, ist es auf jeden Fall hilfreich, Klarheit zu schaffen und ein paar Begriffe zu definieren. Hierzu möchte ich zuallererst den Unterschied zwischen Emotionen, Gefühlen und Stimmungen erklären (Bild 1):

  1. Die Emotionen sind vergleichbar mit den Grundfarben.
  2. Unsere Gefühle sind ein bunter Mix aus mehreren Kernemotionen.
  3. Eine Stimmung ist eine eingefärbte Brille, durch die wir die Welt und unser Leben betrachten.

Bild 1

Schon von Kindheit an lernen wir, unsere Gefühle zu verstecken. Von vielen Erwachsenen hört man immer wieder Sätze wie: „Wein doch nicht!“, „Du musst doch nicht traurig sein!“, „Ein Indianer kennt kein Schmerz!“, „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ und ähnliches. 

Jedem von uns ist schon einmal so ein Satz über die Lippen gerutscht. Ganz ohne böse Hintergedanken. Man versucht einfach, das Kind zu trösten und zu beruhigen.  Leider sind Kinder nicht so reflektiert und haben auch nicht all die Informationen, die bei uns dazu führen, dass wir gerade auf diese Art und Weise reagieren.

KINDER SIND HERVORRAGENDE BEOBACHTER, ABER SCHLECHTE INTERPRETEN IHRER WIRKLICHKEIT.

Was in den meisten Fällen rüberkommt, ist, dass wir es vermeiden sollten, unsere Gefühle zu zeigen (Bild 2). 

Bild 2

Im Kopf von Tom, einem fünfjährigen Jungen, entsteht eventuell folgende Logik: „Papa sagt, ich soll nicht weinen, so wie er selbst auch nie weint. Offensichtlich ist Weinen schlecht.“

Dreißig Jahre später ist Tom verheiratet und unfähig, Trauer, Schmerz und Enttäuschung angemessen auszudrücken. Anstatt zu weinen, wird Tom aggressiv. Warum das so ist, weiß er selber nicht. Heute hat Tom die Kündigung bekommen. Ganz unerwartet wurde er nach Hause geschickt. Die „negativen“ Gefühle in ihm stauen sich an, von Minute zu Minute wird es schlimmer. Diese Wut muss irgendwo hin. In diesem Moment kommt seine Frau um die Ecke …

Beim Versuch „nichts zu fühlen“ greifen wir auf Strategien zu, die uns betäuben sollen oder durch die wir das „falsche“ Gefühl kanalisieren: nichts mehr essen, zu viel essen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Aggression, Sexsucht, Überarbeitung etc. Dadurch fühlen wir uns zwar vielleicht kurzfristig besser, auf lange Sicht gesehen werden aber die eigentlichen Probleme nur überdeckt und man fühlt sich noch schlechter. Im schlimmsten Fall verletzen wir andere Menschen und geben unsere Unfähigkeit, mit Emotionen umzugehen, an unsere Kinder weiter. Als Coach und Berater helfe ich meinen Klienten oft, ihre Emotionen zu identifizieren und auf gesunde Art und Weise auszudrücken. Hier kommt emotionale Intelligenz ins Spiel: 

Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, sich der eigenen Emotionen bewusst zu sein, sie anzunehmen und angemessen auszudrücken und die Emotionen anderer Menschen zu erkennen und vernünftig und einfühlsam mit ihnen umzugehen.

Gesellschaftlich gibt es ein paar Lügen bzw. Annahmen, die es uns erschweren, im Umgang mit unseren Emotionen intelligent zu werden:

Annahme Nr. 1: Ich ignoriere nur die unangenehmen Emotionen.

Wir sind nicht wirklich fähig, nur bestimmte Emotionen zu ignorieren. Das heißt: Wenn wir Trauer, Wut und Angst unterdrücken, passiert das gleiche auch mit Freude. Das Wunderbare am Menschsein ist unsere Fähigkeit, eine Vielzahl von Emotionen zu fühlen und auszudrücken. Sie haben es verdient, ALLE Ihre Emotionen wahrzunehmen, die angenehmen und die unangenehmen. Warum das wichtig ist, lesen Sie weiter unten.

Annahme Nr. 2: Ich höre einfach ganz auf zu fühlen, dann gibt es auch kein Leid mehr.

Wenn Sie versuchen, Ihre Emotionen zu unterdrücken, führt das oft zu einer kurzfristigen Erleichterung, aber langfristig schaden Sie sich damit. Durch schädliche Bewältigungsstrategien (siehe oben) überdecken Sie das Problem, was dadurch langfristig schlimmer wird und sich auch auf Ihre Mitmenschen auswirkt.

Sie können wählen, sich mit Ihren „unangenehmen“ Gefühlen unmittelbar auseinanderzusetzen – was langfristig dazu führt, dass Sie einen angenehmen Zustand erreichen -, oder Sie können dem emotionalem Schmerz im Moment entfliehen, ihn unterdrücken und irgendwann später darunter leiden. Kurz gesagt: Es ist nicht möglich, nicht zu fühlen und glücklich zu sein.

Annahme Nr. 3: Gefühle halten mich nur auf und bringen nichts.

Gefühle sind oft wichtige Signale, die uns zeigen, worauf wir in unserem Leben mehr achten sollten. Eifersucht zum Beispiel könnte ein Hinweis auf unbefriedigte Bedürfnisse oder Wünsche sein. Freude hilft Ihnen zu erkennen, wenn Ihre Lebensweise in Einklang mit Ihren Werten und Zielen steht. Wut zeigt Ihnen, wo Grenzen überschritten wurden oder Ihre Werte verletzt sind. Angst hält uns am Leben und hilft uns, ein sicheres Umfeld zu erschaffen. Trauer zeigt Ihnen den Wert, den Sie einer Sache zugeschrieben haben. Alle Emotionen, sogar die unangenehmen, haben eine Funktion (Bild 3).

Bild 3

Emotionen sind die Voraussetzung für ein Leben, das sich gut und erfolgreich anfühlt. Sie sind unschuldig und erst einmal werteneutral, genau wie unsere Farben (Bild 4). Es kommt nicht darauf an, ob wir ein Gefühl als angenehm empfinden oder eher nicht. Gefühle existieren, um uns dazu zu bringen, vorsichtig zu sein oder um unser Vergnügen zu intensivieren. Sie sind Hinweise. Wenn wir uns zum Beispiel einsam fühlen, weist das auf einen Mangel an engen Beziehungen in unserem Leben hin. Wenn wir uns schuldig fühlen, weist das auf einen inneren Werteverstoß hin. Dieses Gefühl bringt uns dazu, etwas dagegen zu unternehmen (E-Motion).

Ich fasse es noch einmal zusammen: Anstatt Ihre Gefühle zu unterdrücken, versuchen Sie sie aufmerksam zu beobachten! Manchem fällt es vielleicht sehr schwer, eine Stimmung oder ein Gefühl in Worte zu fassen. Aber auch das kann man üben. Wie Analphabeten müssen wir vielleicht anfangs mit Bildern oder Farben arbeiten, um unsere Gefühle grob zu umschreiben. Später dann können wir sie immer genauer benennen und einordnen.

Zu Beginn könnten Sie folgende Übung machen:

Schritt 1: Halten Sie inne und konzentrieren Sie sich darauf, wie Sie sich gerade in diesem Moment fühlen.

Schritt 2: Finden Sie einfache Worte oder Bilder, um dieses Gefühl zu beschreiben.

Schritt 3: Nehmen Sie bewusst wahr, wie sich dieses Gefühl körperlich bemerkbar macht.

Bild 4

In meinen Gesprächen mit Klienten geht es oft um zwei Punkte: 

  1. die Emotion zu erkennen und zu verstehen, welche Botschaft sie sendet
  2. sich eine Strategie zu überlegen, um die Emotion zu verarbeiten und den richtigen Zeitpunkt wahrzunehmen, mich um die Botschaft zu kümmern.

Es kann Situationen geben, in denen es nicht angemessen oder nicht möglich ist, Ihre Gefühle sofort zu verarbeiten. Das heißt aber nicht, dass Sie sie gar nicht verarbeiten sollten. Zum nächstmöglichen Zeitpunkt und wenn die Umstände stimmen, können Sie zum Beispiel mit einem Freund darüber reden (Nähe und Verständnis), Laufen gehen (Stress abbauen), in den Boxsack schlagen (Wut loswerden) oder Tagebuch schreiben (Ruhe finden). Alles, was Ihnen hilft, die emotionale Situation und Ihren Umgang damit zu analysieren, die Emotion auszudrücken (verbal, kreativ, körperlich etc.) oder über alternative Varianten zu schädlichen Reaktionen auf die Situation nachzudenken, ist hilfreich.

Für mich als Christ ist Beten eine sehr befreiende Strategie. Wenn Gott dann spricht und in Situationen eingreift, ändert sich sehr schnell, was ich fühle.

Um innerlich heil zu werden und ein erfülltes Leben zu führen, ist es wichtig, dass Sie sich selbst zugestehen, Gefühle zu haben und sie wahrzunehmen, angenehme und unangenehme. Dass Sie lernen, sie zu benennen und sie auf gesunde Art und Weise zu kommunizieren.

Erinnerst Sie sich noch an Tom? Der Junge, der lernte, dass Weinen falsch ist und stattdessen Aggression als Ventil genutzt hat? Seine Frau und Kinder haben überlebt. Er hat sich Hilfe gesucht und gelernt, mit seiner Frau gemeinsam zu weinen. Heute nimmt er seinen Sohn in den Arm und tröstet ihn. Heute sind sie glücklich.

Ich hoffe, auch Sie sind glücklich oder zumindest auf dem besten Weg dahin.

Beginnen Sie doch einfach einmal damit, die oben beschriebene Übung zu praktizieren. Starten Sie sozusagen mit einem Gefühlstagebuch. Klingt eventuell nicht sonderlich spannend, aber es kann Ihnen und Ihrem direkten Umfeld sehr großen Nutzen stiften.

Wenn Sie Interesse daran haben, Ihre eigene emotionale Intelligenz zu steigern oder die emotionale Intelligenz in Ihrem Unternehmen oder Team anzuheben, kontaktieren Sie uns.

Eine Bitte habe ich noch zum Schluss: Wenn Sie einen Tom kennen, lassen Sie ihn nicht allein. Denken Sie daran: Das, was Sie von außen sehen, ist nicht immer das, was im Herzen wirklich los ist. 

Über den Autor: Sebastian Schick ist professionell zertifizierter Coach (PCC) bei der International Coach Federation (ICF) und der European Association for Supervision and Coaching (EASC). Mit einem Fokus auf Leadership Performance und Team Dynamics & Relationships verbindet er die Kunst und Wissenschaft von Führung. Aktuell begleitet Sebastian Menschen und Unternehmen aus acht Ländern in zwei Sprachen auf drei Kontinenten einfach und wirksam dabei, konkrete Ziele zu erreichen.

© WEGVISOR

Beachten Sie bitte die Hinweise zum Urheberrecht in unserem Impressum.